22.08.2013

22. August 2013  Tagebuch

So. Nun schaue ich also in der ganzen Stadt auf die Bürgerinnen und Bürger herab. Ich bin auch ganz froh, keinen so albernen Slogan zu haben wie mein ansonsten natürlich ausserordentlich verehrter Kollege Vaatz von der CDU. Bei dem steht „Sagt, was er denkt. Tut, was er sagt!“ auf den Großflächenplakaten. Und die Vorbeikommenden, sofern sie Lebenszeit für das Studium dieser Selbstbeschreibung aufwenden, denken unwillkürlich: „Aha. Ähm… nichts?“

Alle, von denen bekannt ist, dass sie mich kennen, berichten über Reaktionen. Der hat doch sonst keinen Schlips, sagt man ihnen. Nein, natürlich nicht! Meine A-Garnitur ziehe ich ja sonst nur an, wenn ich die Bürgerlichen in ihrem Revier necken kann. Und das ist nicht sehr oft.

Ansonsten wird mein Terminkalender nun deutlich dichter. Es ist kaum noch möglich, so locker nebenbei ein Tagebuch zu führen. Nun, wenn man für den Wahlkampf vollkommen freigestellt wäre und dazu noch einen gut organisierten Stab eifriger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätte, das wäre grandios. Aber es gibt ja eben noch die Alltagsarbeit, und alle, die gesund und munter und mit freier Zeit gesegnet sind, widmen ihre Kraft im Moment dem aufhängen, wieder aufhängen, richten und reparieren von Plakaten.

Ein wenig freue ich mich auf den Kandidatentalk von Dresden-Fernsehen. Der wird mit allen Kandidatinnen und Kandidaten jeweils einzeln aufgezeichnet. Ein indirekter Vergleich sozusagen. Und ich freue mich, mindestens genauso sehr, auf den Besuch im Mehrgenerationenzentrum Radeberg, denn diese Einladung klingt nach interessierten Menschen und freundlichen Gesprächen.

Sehr ärgerlich war eine Mitteilung einer Bürgerin heute morgen in der Geschäftsstelle des Stadtverbandes: Neben frisch aufgehängten Naziplakaten lagen über 30 unserer Plakate zerstört auf dem Erdboden. Natürlich haben wir Strafanzeige erstattet. Und es ist auch klar, dass wir im besonderen Fokus der Nazis stehen: Ihre Politik will die Schwachen in der Gesellschaft aufeinander hetzen, unsere Politik will die Schwachen stärken. Haben wir Erfolg, wird der Nazi von der politischen Bildfläche verschwinden. Aber trotzdem ist es unangenehm, wenn die Mühe der Plakatierteams am Ende verschwendet war.

Was etwas nervt sind die Superangebote, man könne sich jetzt endlich endlich endlich auf einem ganz tollen Internetportal mit klasse Möglichkeiten als Kandidat darstellen und die Wählerinnen und Wähler könnten sich dann mit Hilfe genau dieses Portals nun aber eine ganz genaue Meinung bilden, wen sie wählen würden. Aktuell war es dieses hier. Warum bitte können alle diese Menschen nicht drei Monate eher vorsprechen, damit die Menschen auch genügend Zeit haben, sich dort umzusehen?

Da muss man halt durch, als Kandidat, werden Sie als geneigte Leserinnen und Leser sagen. Aber ich finde alle diese scheinbar demokratischen Hinweisdienstleistungen, trotzdem sie ja gut gemeint sein mögen, etwas verdummend. Denn die Politik besteht ja in der Beeinflussung der Entwicklung unserer Gesellschaft in eine Richtung, die der eigenen Wählerschaft zu Gute kommt. Dabei muss die Meinung einzelner Menschen zu konkreten Fragestellungen mit der des Vertreters oder der Vertreterin durchaus nicht übereinstimmen: Parteien und ihre Protagonisten haben ja auch eine politische Bildungsfunktion und sollen über die von ihnen erarbeiteten Haltungen zu konkreten Fragen auch auf Bürgerinnen und Bürger einwirken. Die Schlussfolgerung „Weil die Partei meines Vertrauens zu diesem Problem eine bestimmte Haltung hat denke ich darüber nach und übernehme diese Haltung“ ist mindestens genau so notwendig und richtig wie die Schlussfolgerung „Weil diese Partei zu diesem Problem eine andere Haltung hat als ich wähle ich sie nicht.“ Parteien sind ja keine Firmen im Wettbewerb, die die wohlschmeckendsten und gefälligsten Lösungsvorschläge zum Verkauf auf dem Markt anbieten, auch wenn die neoliberale entdemokratisierende Wettbewerbsideologie dass nahe legt.

 


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