Beiträge vom September 2013

Astronomischer Unsinn

26. September 2013  Allgemein

Lieber Sächsischer Bote,

ich weiss, du bist kein Qualitätsmedium. Aber dennoch lesen dich viele Menschen. Du behauptest, du würdest deine Exemplare 230.000 mal, mittwochs sogar über 250.000 mal verteilen. Selbst wenn nur jedes 10. Exemplar gelesen wird, ist das eine ganze Menge. Eine ganze Menge Verantwortung vor allem!

Es soll übrigens Menschen geben, die sich keine Tageszeitung mehr leisten können. Es ist möglich, dass du für solche Menschen die einzige Zeitung bist, die sie noch lesen. Kannst du diese Verantwortung tragen?

Bisher dachte ich nur, du würdest dich etwas schwer tun mit dieser Aufgabe, dir Hilfe holen bei amtlichen Verlautbarungen, ein wenig abschreiben bei Dritten und dadurch hier und da etwas einseitig werden. Nun aber bin ich wirklich erstaunt: Du machst selbst Meinung.

Und zwar mit diesem Kommentar, den du auf deiner Titelseite trugst. Hui, sagst du, wie astronomisch teuer sind doch unsere Wahlen. 67 Millionen Euro! Für den Staat!  Und dann noch das, was Parteien so dazutun. Und noch irgendwie Polizeibeamte. Das ist garnicht eingerechnet…

Sächsischer Bote, bist du bescheuert? Selbst wenn die offiziellen 67 Millionen sich noch verdreifachen kostet das am Ende pro Bundesbürger keine 2,50 Euro. Für die gesamte Wahlperiode. Irgendwas zwischen 60 und 70 Cent pro Jahr. Aber dir reicht das, um Stimmung gegen Wahlen zu machen? Als ein Blatt, das besonders in den Gegenden gebraucht und gelesen wird, in denen die Wahlbeteiligung eh schon gering ist hast du deine Aufgabe ja glänzend erfüllt, zur Volksverdummung beizutragen. Hättest du gern auf Wahlen verzichtet? Oder wie stellst du dir das so vor? Weniger Wahllokale? Nur eins in ganz Dresden, um zu sparen?

Irgendwas lässt mich auf Restvernunft hoffen. Deswegen ist das ein offener Brief an Dich. Vielleicht antwortest du ja. Und erklärst dich. Mir und den Menschen, die dich noch lesen. Ansonsten poste ich in Zukunft ab und zu, wenn du in meinem Haus verteilt wirst, ein Foto meines Hausmülleimers, in den deine Exemplare hineingeworfen werden. Damit deine Werbekunden feststellen, dass die astronomischen Kosten der Inserate bei dir nutzlos sind. Übrigens ganz im Gegensatz zu den Wahlen.

 

Schwarze Witwe? Nö. Rabenmutti.

26. September 2013  Allgemein

Der Kollege Fleischhauer vom Spiegel hat in einem Beitrag etwas zu Angela Merkel gesagt. Dabei will er uns alle in eine Sorte Merkel-Kritik einsortieren, die inhaltlich albern und daher leicht angreifbar ist. Klar, er zielt auf die SPD. Kann er mal tun, ist eigentlich nicht mein Bier. Jenseits dieser Zielrichtung finde ich, man sollte die amtierende und sicherlich auch zukünftige Kanzlerin nicht mit Wohlfühl- oder Gruselvokabeln beschreiben, sondern als das, was sie ist: Eine Kanzlerin, der nicht am Wohl aller im Lande Lebenden gelegen ist. deswegen gefällt mir das kleine oder hier als pdf auch große Bild ganz gut, und wer es als Aufkleber haben will kann eine Bestellung gern abgeben!

26. 09. 2013

26. September 2013  Tagebuch

Wie man hier sehen kann, bin ich der eigentliche Wahlgewinner in meiner Partei: ich habe im Wahlkreis Dresden II – Bautzen II die geringsten Zweitstimmenverluste  in ganz Sachsen. Fast hätte ich noch ein paar Stimmen gewinnen können. Bestimmt lag es daran, dass die Kartoffelsuppe bei der Kochshow in Radeberg zu lecker war und die umliegenden Würstchenhändler uns aus Protest gegen ihren Umsatzrückgang nun nicht mehr gewählt haben.

Nun tobt das Nachwahl-Zirkusprogramm. Ich könnte ja in einem halben Jahr mal nachfragen, wer die Namen der jetzt zurückgetretenen noch kennt. Özdemir? Schlömer? Who the Fuck…

Spannungsgeladen vor allem, wie die SPD den Preis für eine Koalition erhöhen will. Ich glaube ja, dass die Ablehnung einer SPD-CDU-Koalition bei vielen SPD-Mitgliedern echt ist, aber ich glaube auch, dass genau diese Mitglieder wissen, dass es keine andere realistische Wahl geben wird. Deswegen äußern sie ihren Unmut laut, um ihrer Führung Kraft für möglicht viele zu erkämpfende Zugeständnisse der CDU zu geben.

Natürlich wäre es besser, die SPD würde die Kraft für ein rotrotgrünes Bündnis finden. Aber ganz ehrlich: wer von uns glaubt, dass sie das schafft? Und natürlich ist es richtig, die eigentümlich agierende SPD-Führung dafür von links unter Druck zu setzen. Aber einige Argumente für oder gegen bestimmte Koalitionen teile ich nicht.

So ist die im Blog von Halina Wawczyniak aufgemachte Gegenüberstellung von gesellschaftlichen zu parlamentarischen Mehrheiten an Hand der Wahlergebnisse meiner Meinung nach nicht zielführend: eine gesellschaftliche Mehrheit für ein Lager bestünde ja nur dann, wenn die Wahlhandlung eine Zuordnung der oder des Einzelnen zu diesem Lager wäre, und zwar über diesen formalen Akt hinaus. Aber schon der vermutete Wechsel einiger Wählerinnen und Wähler von der LINKEN zur AfD müsste ja dann als ein Wechsel des Lagers interpretiert werden. Die Zuordnung von Menschen zu politischen Lagern hat meines Erachtens im Lande keine allzugroße Tradition, dieser Effekt wiederum macht es den Verfälschern und Spindoktoren ja erst leicht. Wählerinnen und Wähler zu einem Kreuz bei einer Partei zu bewegen, mit der sie bei näherem Nachfragen oft garnicht übereinstimmen.

Auch in die diesem Spiegel-Artikel gemachten Aussagen scheinen mir sehr mechanistisch. Eine große Koalition unter den aktuellen Bedingungen wird wie eine über dem Land liegende drückende Last beschrieben, die alles sofort beschließen könne und auch würde und die Opposition aus LINKEN und Grünen hätte kaum eine Chance dagegen zu halten.

Das sehe ich nicht so. Ein Blick auf die gerade vergangene Wahlperiode zeigt, wie heftig auch innerfraktionelle Diskussionen sein können. Die LINKE war da wohl medialer Vorreiter in der Darstellung innerer Zerissenheit, aber auch in den anderen Fraktionen gab es regelmäßig Abweichlerinnen und Abweichler bei Abstimmungen. Eine Koalition mit geringer parlamentarischer Mehrheit übt auf die eigenen Abgeordneten notwendigerweise einen hohen Druck aus. Dieser Konformitätsdruck lässt Diskussionen und Abweichungen im eigenen Haus nur bei besonders schwierigen, strittigen Themen zu. Bei einer so großen Mehrheit, wie sie eine große Koalition gegenwärtig hätte, sinkt dieser Konformitätsdruck, es werden sich innerhalb der CDU-CSU oder der SPD viel mehr Möglichkeiten zur Diskussion eröffnen, und die Mitgliedschaften und Wählerschaften der beiden Parteien können und werden sich daran viel reger beteiligen als bisher. Damit tritt meiner Meinung nach ein auf den ersten Blick paradoxes Ergebnis ein: Eine große Koalition befreit die politische Diskussion im Lande aus dem Zwangskorsett der arithmetischen Mehrheiten und führt sie auf den Humus von Grundwerten, Überzeugungen und Interessen zurück. Freilich wird, wenn diese Diskussion innerhalb der Koalitionsfraktionen abgeschlossen ist, daran kaum mehr etwas zu ändern sein, aber wir wissen alle, diese innerfraktionellen Diskussionen eben nicht mehr hinter verschlossenen Türen stattfinden werden und können.

 

22.09.2013, 16.30

22. September 2013  Allgemein

Also, ihr alle da an den Lesegeräten: Danke fürs Mitdenken, Mitlachen, Mitfiebern, für die Hilfe und Aufmunterung. Gestern war noch einmal Großeinsatz, Ein Stand mit Kaffee und Kuchen als Mind-Opener (oder Mouth-Opener?) am Sachsenplatz und einer am Albertplatz mit durchaus interessanten Gesprächen, zudem noch eine Handreichung an der Menschenkette zum symbolischen Schutz des Freiraum Elbtal gegen die Kommerzbebauung. Heute war: chillen. Und jetzt rappelt und zappelt es vor meiner Bürotür im Haus der Begegnung, die Wahlparty wird vorbereitet. In einer halben Stunde geht sie los. Gemächlich. Es werden auch der Landesvorsitzende und die Landesgeschäftsführerin erwartet, eine Liveschaltung nach Berlin zu Katja Kipping ist vorgesehen, und am Ende dann Musik und Tanz so lange die Puste der Gäste und des DJs reichen. Kommt vorbei. Und tröstet uns oder feiert mit uns. Übrigens: Ab morgen ist Kommunalwahlkampf.

20. 09. 2013

20. September 2013  Tagebuch

Was hab ich schlechte Laune!

kaffeeensatz

Am Dienstag haben wir etwas betrübt festgestellt, dass die Zeitungen der Stadt zwar die KandidatInnen der anderen Parteien in Portraits darstellen, uns aber anscheinend vergessen haben. Nachdem wir bei der Sächsischen Zeitung nachgefragt haben kam dann doch noch ein Termin zu Stande: Wir verteilen Kaffee am Morgen am Postplatz und schwatzen etwas mit den Leuten. Der Journalist, der den Artikel schreibt, stellt Katja ganz zu Recht als fleißig, mich aber als besonders faul und desinteressiert dar. Nicht, dass ich begeistert an Wahl- oder Infoständen bin: das ist sehr selten der Fall. Beim Hechtfest war es so, falls jemand da vorbeigekommen ist und mich gesehen hat. Aber zum jammern neige ich nun auch nicht.

Mein Wahlblog hier heißt „… versuchen wir das Unmögliche!“, und warum diesen Wahlkreis zu gewinnen eigentlich unmöglich ist hab ich dem jungen Herrn vorgerechnet. Weil der Stimmenabstand zwischen Arnold Vaatz und den zweitplatzierten PDS- bzw.LINKE-Kandidaten in den vorangegangenen Bundestagswahlen bei ca. 15.000 Stimmen lag, die nur unter besonders günstigen Umständen für uns zu gewinnen sind. Aber seien wir Realisten und versuchen es dennoch! Dazu habe ich ihm erklärt, dass wir eine Langzeitstrategie haben, weil man Wählerinnen und Wähler eben nicht mal so einfach in den letzten Tagen vor der Wahl mit einem Kuli und einem Feuerzeug bestechen kann, sondern durch seine Arbeit über Monate und Jahre gewinnen muss. Und dass ich lieber auf Podien und in Gesprächsrunden bin, und dass ich es für einen Skandal halte, dass in sächsischen Schulen keine Erstwählerforen gemacht werden dürfen. Und dass ich es bedaure, dass so wenige Verbände und Institutionen zu Diskussionsrunden eingeladen haben. Und ich hab ihm mein Menschenbild erklärt: das ich überzeugt bin, das fast alle Menschen wissen, wen sie wählen werden, aber darüber einfach nicht so gern diskutieren. und dass aus dieser Sicht heraus bei einem Infostand eben zum allergrößten Teil Menschen vorbeilaufen, die einen nicht wählen werden. Bei 50% Wahlbeteiligung und 20% Parteiergebnis ist es nun einmal statistisch nur jeder Zehnte. Von 100, die vorbeilaufen, sind 10 Menschen für uns aufgeschlossen. Das ist nicht schlecht, aber die 90 Ablehnungen sind natürlich nicht einfach zu ertragen. Er hat verstanden: ich erreiche an einem Infostand nur 10 Leute. Nö, so isses nich. Das hängt nämlich von der Dauer des Einsatzes ab. Und man kann nur mit einem Menschen gleichzeitig reden. Vielleicht hätte er gern gesehen, wie ich voller Eifer versuche, Leute zum wählen gehen zu bewegen. Oder ich habe ihn einfach überfordert mit meinen Annahmen. Und er hat nicht bedacht, dass Menschen von Katja vielleicht viel lieber einen Kaffee annehmen als von mir.

Der Artikel ist bei der SZ hinter der Bezahlschranke, deswegen gibts hier keinen Link. Und nun ist es auch genug mit dem Ärger.

Heute wurde mein Wahltalkvideo bei Dresden-Fernsehen veröffentlicht. Bildet euch bitte selbst ein Urteil. Ich bin ganz zufrieden, aber bis zum Vollblutparlamentarier wäre es dann doch noch ein ganzes Stück. Vielleicht mehr Unhaltbares versprechen? Mögen die Menschen sowas?

Am Abend heute fand dann die Podiumsdiskussion in der Handwerkskammer statt. Eine sehr schöne Runde, offen und konfrontativ, ich fand mich nicht so schlecht. Natürlich sind Handwerkerinnen und Handwerker herzenskonservative Menschen, und ich meine dies durchaus im positiven Sinne. Ich würde ja gern mal Handwerkerinnen und Handwerker kennen lernen, die LINKE wählen. Schon, um unser Kommunalwahlprogramm gut vorzubereiten wäre das eine spannende Sache. Insbesondere die Angst der Gewerke, die jetzt weit von 10 Euro Mindestlohn entfernt sind kann ich nachvollziehen. An dieser Stelle wird auch nach den Wahlen Erklärungsbedarf bleiben.

Das Bild hab ich bei Ralf Hron gemopst, der als DGB-Chef im hiesigen Sprengel auch in der Handwerkskammer Mitglied ist. Ich hoffe er nimmts mir nicht krumm und ist mit einer Tasse Kaffee als Entschädigung einverstanden, wenn er es mitbekommt.

hwk

 

Zum Ende noch, weil dies der vermutlich vorletzte Eintrag zur Bundestagswahl sein wird: Was meint ihr, soll ich diesen Blog weiterführen? Nächstes Jahr sind Kommunalwahlen, danach Landtagswahlen, obwohl ich da eigentlich nicht kandidieren will. Lasst es mich einfach mal wissen!

 

 

 

 

15.09.2013

16. September 2013  Tagebuch

Heute war Angela Merkel in Dresden. Ich bin nicht hingegangen. Ob sie wohl etwas Neues erzählt hat? Und eine Drohne ist knapp neben sie gefallen. Bald wird es zur Grundausrüstung von Großveranstaltungen gehören, solche Fotodrohnen eliminieren zu können. Schöne neue Welt.

Am vergangenen Freitag war unsere Kochshow in Radeberg. Das Konzept besteht darin, dass Peter Porsch und Stefan Hartmann zusammen hinter einem LINKE-Stand Essen kochen und verschenken und dabei lustige Dinge erzählen. Also das Konzept für überall. In Radeberg wurde es auch so gut es geht eingehalten, allerdings war der erste wartende Kunde am Stand der Kollege Ministerpräsident Tillich. Zwar hatten sich die Kochkünste meiner führenden Genossen, zu denen sich hier auch noch der Landesvorsitzende Rico Gebhardt und die Landesgeschäftsführerin Antje Feiks hinzugesellten, offenbar bis in die Staatskanzlei herumgesprochen. Aber der MP ist der lebendige Beweis dafür, dass sich die Menge der SuppenkundInnen nicht mit der potentieller WählerInnen deckt.

Arnold Vaatz hingegen, ebenfalls anwesend, lenkte den Blick weg von den kulinarischen Verführungen und wurde später, Fotobeweise sind vorhanden, am Pferdewurststand gesehen.

dialogüberparteigrenzen

Ich habe, nachdem eine Ungeschicklichkeit mich einen Kaffeefleck auf dem Hemd hat produzieren lassen, als Sichtschutz die Kochschürze übergeworfen und mich in parteiübergreifende Gespräche gestürzt. Immerhin konnte ich die gute Frau, wenn schon nicht überzeugen, so doch verwirren und sie hat entsprechend reagiert und von ihren Opfern abgelassen und mit mir geredet. Unter ihren Schirm konnte ich nicht schlüpfen: die CDU-Sonnenschirme sind offenbar vom selben Produzenten wie unsere und einfach zu niedrig für mich.

Vorgestern hatte die LInksjugend zum Brunch eingeladen, besser zur Brunchtour. Das Konzept war ähnlich dem der Kochtour, nur dass die Leckereien fürs Volk unaufwendiger zu Hause produziert wurden und nur als Lockmittel für Gespräche dienten. Diese Tour ging drei Tage lang, und voller Pflichtbewusstsein hatte ich mich an dem Termin, der gnädigerweise in meinen Wahlkreis gelegt wurde, beteiligt. Der Stand war neben dem Elbamare, an der Haltestelle Merianstraße, aber in einem Seitenweg. Alles sehr chillig, sehr freundlich, sehr angenehm. Trotzdem bin ich mit einem der netten jungen Genossen dann zum Kinderfest der Freiwilligen Feuerwehr Gorbitz gegangen. Volles Haus dort, Respekt! Und Danke an den Wehrleiter Ingo Bauernfeind, der unkompliziert eine Führung durch das Gebäude ermöglichte.

Am Sonntag hab ich mit Freundin und Kind den Wahlkreis in Gänze durchmessen, um sowohl das Leutewitzer Mühlenfest, das unmittelbar daneben gelegene Familienfest und dann das Hochlandfest in Schönfeld zu besuchen. Während das Familienfest, als Spätsommerfest angekündigt, nach eigener Lesart der SPD ein Fest ihres Ortsverbandes West ist waren die von mir befragten BürgerInnen und Vereine der Meinung, es handle sich eher um ein traditionelles Fest, in das sich die SPD hereingedrängelt habe. Wie dem auch sei: die zweite Interpretation ist mir die angenehmere.

Im Hochland war allerdings deutlich mehr los, auch sehr hübsche Attraktionen wurden dort gezeigt. Retroautos mit Elektroantrieb, in denen Kinder herumfahren konnten. Wunderbar! Vermutlich war da der TÜF noch nicht dran, sonst wäre dieser Spaß sicher verboten. Und einige Minuten Chorkonzert in der Schönfelder Kirche konnte ich mithören. Hatte ich schon einmal erzählt, dass mich der ländliche Charm des Hochlandes sehr anzieht? Als Besucher wohlgemerkt, nicht als Einwohner, da bin ich zu sehr Städter. Aber die gegenseitigen gepflegten Abneigungen zwischen der Kernstadt und dem Hochland kann ich nicht verstehen.

 

 

 

 

 

12. 09. 2013

12. September 2013  Tagebuch

Heute findet eine Podiumsdiskussion im Romain-Rolland-Gymnasium statt. Eigentlich, denn sie ist per Mail und mit großem Eifer der Politfabrik in die Dreikönigskirche verlegt worden. !3 Uhr, wer noch vorbeikommen will. Die zweite echte Podiumsdikussion, der Wahlkampf tobt hurrikanesk. Ich hab immer noch so etwas wie schlechtes Gewissen, weil alle anderen bei Facebook eifrig ihre Aktivitäten melden. Also nicht alle anderen, SPD und Grüne konkret. Immer wenn es draußen noch dunkel ist und man sich die Decke über die Ohren ziehen möchte, (Hört, liebe Wählerinnen und Wähler: Ich bin einer von euch. Ich schlafe gern aus!) melden die Kolleginnen und Kollegen dieser beiden traditionellen Frühaufsteherparteien, sie würden jetzt Tütchen mit allerlei Krimskrams an Menschen frühverteilen. Was werden sich die Leute freuen!

Wahrscheinlich weiß ich so etwas nur von SPD und Grünen, und die CDU macht es in Wahrheit ähnlich, aber ich habe nur wenige und offenbar vernünftige CDU-Facebookfreunde und kenne daher nichts über deren Wahlkampfaktivitäten.

Ich glaube, ich bin als Kandidat total wichtig. So haben mich auch große Wirtschaftsverbände in ihre Verteiler aufgenommen und senden mir nun bunte Broschüren, um mir ihre Wünsche mitzuteilen. Die Autoindustrie zum Beispiel oder die Stahlindustrie. Und die Gewerkschaft auch. Michael Sommer, DGB-Vorsitzender, hat mir einen Brief mit „Lieber Tilo“ in der Anrede geschrieben. Dabei sind wir weder in der selben Partei noch bin ich Gewerkschaftsmitglied. Ich bin ja da nicht so eng, eigentlich. Und darf ihn jetzt Michael nennen, wenn ich ihn mal persönlich treffe.

Das Duzen ist ja überhaupt groß in Mode, auch dort, wo ich garnicht geduzt werden möchte. Ich sage zu Bürgerinnen und Bürgern zuerst einmal höflich Sie. Und Du?

Oder die Einbeziehungsmacke: Das WIR entscheidet, deswegen sind wir gemeinsam für Deutschland unterwegs. Nicht mit mir, denken sich LINKE-Wählerin und LINKE-Wähler und verweisen auf die einfache und immer noch richtige Logik: Parteien sind, so sagt das Wort, Teile des Ganzen. Wo Parteien fürs Ganze stehen wollen winkt ein diktatorischer Anspruch hinter der Gardine hervor. Oder eine Lüge. Oder beides.

Ganz besondere Post fand sich vor einigen Tagen in meinem Briefkasten: Gleich drei von der selben Adresse. Wegen des vielen Portos (jeder Brief war fein säuberlich mit einer Briefmarke beklebt und offenbar gingen diese Briefe auch an alle anderen Direktkandidaten) scheinen sich diese ehrwürdigen Vereine keine eigenen Büros leisten zu können und nutzen die Synergie demokratisch scheinender Aktivitäten. Hier dokumentiert die Briefe, jeweils die Vorder- und Rückseite:

Initiative Familienschutz vorn / hinten

Zivile Koalition vorn / hinten

Bürgerrecht Direkte Demokratie vorn / hinten

Ich hab noch nicht geantwortet. Und ich habs auch nicht vor.

 

 

04.09.2013

05. September 2013  Tagebuch

Gestern war der Dresden-Fernsehen-Tag. Alle Dresdner Direktkandidatinnen und Direktkandidaten (vermutlich nur die der größeren Parteien, aber das weiß ich nicht genau) wurden eingeladen, um in wenigen Minuten zu 5 Fragen Stellung zu nehmen. Nacheinander an unterschiedlichen Tagen allerdings. Wenn man das andauernd tun muss ist die zugeordnete Hirnregion besser durchblutet und funktioniert wie von selbst. Mir passiert so etwas aber nicht so oft, und so war ich hinreichend aufgeregt. Außerdem hab ich auf dem Weg zum Fernsehstudio mein tägliches Soll an der Zehntausend-Schritte-Aktion absolviert und war also, sagen wir mal, aufgewühlt. Franziska Wöllner hat mir am Rande meines dennoch grandiosen Auftrittes eine Menge nette Dinge gesagt, vermutlich aber auch den anderen Kandidatinnen und Kandidaten.

Der Beitrag soll wohl ab Donnerstag vor der Wahl gesendet werden.

Am Morgen bin ich einer Kollegin aus dem Umfeld der Jugendhilfe in Dresden begegnet. Wir haben etwas geplaudert, und am Ende sind wir unweigerlich beim Doppelplakat mit Katja Kipping und mir angekommen. Und da sagt sie doch tatsächlich folgendes: „Du siehst da ganz gut aus. Warste vorher in der Maske?“ Also wirklich! So etwas könnte das Ende einer wunderbaren Freundschaft sein.Ich war mindestens zwei Sekunden sprachlos, und dann haben wir schnell über die Auswirkungen des Bundeskinderschutzgesetzes auf die tägliche Arbeit der Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in betreuten Wohngruppen abhängig vom Alter der betreuten Kinder gesprochen.

Aus den anderen Direktwahlkreisen treffen jetzt nach und nach die Bilder der Kochshow ein. Damit bin ich ein wenig vorbereitet auf das, was mir da bevorsteht und stelle erschrocken fest, dass die anderen Kandidaten sich alle an der Essenzubereitung beteiligen. Dabei ist Kochen doch Facharbeit und sollte nicht von mir dilletiert werden. Ich muss mal sehen, ob ich mich vorm Messerschwingen noch drücken kann. Ich könnte beim Abwasch helfen? Und falls Falk aus Bretnig-Hauswalde hier mitliest, sei er gefragt: dein Freund, der beim Wahlkampfauftakt dabei war, der war doch Koch? Kann der nicht mit hinkommen? Am 13. 09. bin ich in Radeberg dran!

 

 

02. 09. 2013

03. September 2013  Tagebuch

medingenNun kenne ich also Medingen. Und Ottendorf-Okrilla, jedenfalls den Friedhofsmeister. In Medingen aber kenne ich nun viel mehr. Den Gasthof, der hat eine Bowlingbahn, den Kegelclub, den Goldenen Born, das Schloss, die Schule, das Vereinshaus, den Jugendclub, riesige Saftbehälter vor der Kelterei OESE.

Während wir durch den Ort geführt wurden bremste ein schickes Auto ganz scharf, und der Fahrer schaute heraus und wünschte viel Glück. Das macht Mut und hat mich wirklich sehr gefreut.

Aber auch eine Menge anderer kleiner Erlebnisse sind sehr schön.So trugen wir am Freitag Materialien für den Bürgerentscheid in die Haushalte in Gorbitz und der näheren Umgebung. Plötzlich lief eine junge Frau hinter uns her, die meine LINKE-Tragetasche gesehen hatte und sagte, sie wohne zwar nicht hier in der Straße, wolle aber trotzdem das Material von uns haben. Glücklicherweise hatte ich reichlich dabei…

Der Wahlkampf am Wochenende war kurzzeitig unterbrochen. Oder sagen wir besser: transformiert. Angesichts zweier Umfragen, die uns bei 10% sehen und damit nah an der Erfüllung der Gysi-Aufgabe, zweistellig zu werden, haben wir uns zu einem Landesparteitag zurückgezogen. Dort ging es um die Neuwahl unseres Landesvorstandes, hier freue ich mich besonders für die gewählten Genossinnen und Genossen aus dem Stadtverband Dresden, und um wirtschaftspolitische Leitlinien.Mit denen haben wir jetzt unsere Kompetenz unter Beweis gestellt. Das Wirtschaftsministerium ist unser! Das ist jetzt so sicher wie rotrotgrün nach der nächsten Landtagswahl.

Mit zwei Menschen aus meinem weiteren und politisch nicht so stark eingebundenen Bekanntenkreis habe ich etwas übers Wählen geredet. Da ich ja nun als Kandidat erkennbar bin hatten sie durchaus Interesse zu reden und sich zu erklären. Die eine meinte, LINKE, das seien doch die sozialen und die Grünen halt dafür, dass viele Bäume und Sträucher in der Stadt wüchsen, die andere meinte, sie wähle für den Bundestag immer LINKE und für die Stadt immer grün, und auf meine Frage warum sagte sie, die seien doch mehr so für Radwege. Guuuut, ja, aber immerhin: sie haben nicht den Wahlomaten bedient.

Zu berichten ist noch mein erstes (und möglicherweise auch einziges) direktes Zusammentreffen mit Kollegen Vaatz. Das fand auf einer Podiumsdiskussion zu migrationspolitischen Fragen statt. Ein leutseliger Mann ist er. Ich hab ihm meinen Standardscherz („länger im Amt als Honecker“) vorgetragen, und er entdeckte recht schnell, dass ich auch schon eine ganze Weile Stadtratsmitglied bin. Ich hab ihm vorgeschlagen zu tauschen. Er schützte vor, dass gefiele sicher nicht allen in seiner Stadtratsfraktion.

Ansonsten hab ich im Vorgeplänkel dieser Diskussionsrunde meinen Freund und Gegenkandidaten, den Grünen Stephan Kühn, einen Kriegstreiber genannt. Er meinte, diesen Vorwurf habe er ja nun schon sehr lange nicht mehr gehört. Das aber war vor dieser Wortmeldung. Also, Stephan: hol schon mal das olivgrüne Shirt raus. Denn wenn es im Bundestag zur Frage eines Einsatzes in Syrien zur Sache geht werdet ihr doch sicher wieder als verlässliche Garanten einer starken deutschen InteressenMenschenrechtspolitik parat stehen.