12. 09. 2013

12. September 2013  Tagebuch

Heute findet eine Podiumsdiskussion im Romain-Rolland-Gymnasium statt. Eigentlich, denn sie ist per Mail und mit großem Eifer der Politfabrik in die Dreikönigskirche verlegt worden. !3 Uhr, wer noch vorbeikommen will. Die zweite echte Podiumsdikussion, der Wahlkampf tobt hurrikanesk. Ich hab immer noch so etwas wie schlechtes Gewissen, weil alle anderen bei Facebook eifrig ihre Aktivitäten melden. Also nicht alle anderen, SPD und Grüne konkret. Immer wenn es draußen noch dunkel ist und man sich die Decke über die Ohren ziehen möchte, (Hört, liebe Wählerinnen und Wähler: Ich bin einer von euch. Ich schlafe gern aus!) melden die Kolleginnen und Kollegen dieser beiden traditionellen Frühaufsteherparteien, sie würden jetzt Tütchen mit allerlei Krimskrams an Menschen frühverteilen. Was werden sich die Leute freuen!

Wahrscheinlich weiß ich so etwas nur von SPD und Grünen, und die CDU macht es in Wahrheit ähnlich, aber ich habe nur wenige und offenbar vernünftige CDU-Facebookfreunde und kenne daher nichts über deren Wahlkampfaktivitäten.

Ich glaube, ich bin als Kandidat total wichtig. So haben mich auch große Wirtschaftsverbände in ihre Verteiler aufgenommen und senden mir nun bunte Broschüren, um mir ihre Wünsche mitzuteilen. Die Autoindustrie zum Beispiel oder die Stahlindustrie. Und die Gewerkschaft auch. Michael Sommer, DGB-Vorsitzender, hat mir einen Brief mit „Lieber Tilo“ in der Anrede geschrieben. Dabei sind wir weder in der selben Partei noch bin ich Gewerkschaftsmitglied. Ich bin ja da nicht so eng, eigentlich. Und darf ihn jetzt Michael nennen, wenn ich ihn mal persönlich treffe.

Das Duzen ist ja überhaupt groß in Mode, auch dort, wo ich garnicht geduzt werden möchte. Ich sage zu Bürgerinnen und Bürgern zuerst einmal höflich Sie. Und Du?

Oder die Einbeziehungsmacke: Das WIR entscheidet, deswegen sind wir gemeinsam für Deutschland unterwegs. Nicht mit mir, denken sich LINKE-Wählerin und LINKE-Wähler und verweisen auf die einfache und immer noch richtige Logik: Parteien sind, so sagt das Wort, Teile des Ganzen. Wo Parteien fürs Ganze stehen wollen winkt ein diktatorischer Anspruch hinter der Gardine hervor. Oder eine Lüge. Oder beides.

Ganz besondere Post fand sich vor einigen Tagen in meinem Briefkasten: Gleich drei von der selben Adresse. Wegen des vielen Portos (jeder Brief war fein säuberlich mit einer Briefmarke beklebt und offenbar gingen diese Briefe auch an alle anderen Direktkandidaten) scheinen sich diese ehrwürdigen Vereine keine eigenen Büros leisten zu können und nutzen die Synergie demokratisch scheinender Aktivitäten. Hier dokumentiert die Briefe, jeweils die Vorder- und Rückseite:

Initiative Familienschutz vorn / hinten

Zivile Koalition vorn / hinten

Bürgerrecht Direkte Demokratie vorn / hinten

Ich hab noch nicht geantwortet. Und ich habs auch nicht vor.

 

 


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